Warum Krisen im Fußball kein Zufall sind

Eine Niederlage kann passieren. Zwei auch. Doch wann wird aus einer sportlichen Durststrecke eine echte Krise?
Nächtliches Fußballspiel auf dem hell beleuchteten Rasenplatz, Spieler in White- und Dark-Trikots.

Im Profifußball scheint der Moment oft abrupt zu kommen: Die Ergebnisse bleiben aus, die Stimmung kippt, der Trainer / die Trainerin gerät unter Druck. Was öffentlich wie ein plötzlicher Einbruch wirkt, ist bei genauerem Hinsehen jedoch das Ergebnis eines längeren, bisher verborgenen Prozesses.

KIT-Forschende um MuT-Sprecher Prof. Dr. Darko Jekauc zeigen, dass sich Leistungskrisen nicht allein auf dem Platz entscheiden – sondern im Zusammenspiel von Erwartungen, Ergebnissen und psychologischer Dynamik (hier geht's zum Paper). Zwar sind im Profifußball Unmengen an Leistungsdaten verfügbar, doch die mentalen Prozesse hinter Instabilität und Selbstzweifeln blieben bislang schwer greifbar. Genau hier setzt der neue mathematische Ansatz des Projekts „Sportliche Krisen im professionellen Fußball“ der Gruppe „Gesundheitsbildung und Sportpsychologie“ an.

Drei entwickelte Indikatoren machen Krisen sichtbar

Die Relative Position misst die wachsende Lücke zwischen erwarteter und tatsächlicher Tabellenplatzierung. Die Linear Rate of Change zeigt, ob sich die langfristige Formkurve eines Teams hebt oder senkt. Besonders sensibel ist die Exponential Rate of Change – sie reagiert stark auf kurzfristige Verschlechterungen und bildet damit psychologische Kipppunkte ab. Gemeinsam erlauben diese Größen eine präzise Unterscheidung zwischen normalen Leistungsschwankungen und dem Beginn einer echten Krise.

Anschaulich wird dieser Ansatz durch eine Analogie aus der Physik: Position, Geschwindigkeit und Beschleunigung beschreiben dort die Bewegung eines Körpers – hier die Dynamik eines Teams. So wird verständlich, warum kleine Probleme eine Eigendynamik entwickeln können, die sich kaum noch stoppen lässt. Bemerkenswert ist zudem, dass einer der Indikatoren auf der mathematischen Konstante Phi basiert, die auch in biologischen und physikalischen Wachstumsprozessen vorkommt. Offenbar folgen selbst kollektive psychologische Prozesse universellen Mustern.

Für Vereine eröffnet das neue Perspektiven

Statt reflexartiger Personalentscheidungen ermöglichen die Indikatoren ein frühzeitiges, analytisch fundiertes Gegensteuern. Gleichzeitig zeigt die Forschung exemplarisch, wie Mathematik dabei hilft, menschliches Verhalten besser zu verstehen. Ein Ansatz, der nicht nur den Profifußball betrifft – sondern viele Systeme, in denen Erwartungen, Dynamik und kollektive Prozesse aufeinandertreffen.

15.01.2026

Mehr dazu erfahrt ihr bei MuT2Go im Februar

Im Februar stellt Prof. Dr. Darko Jekauc das Projekt „Sportliche Krisen im professionellen Fußball“ in einer neuen Ausgabe MuT2Go vor.

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